Heute widmen wir uns dem Stadtteil Buer, der allein aufgrund seiner Geschichte eine besondere Rolle spielt. Daher gibt es vorerst einen ersten Überblick und, falls jemand mal den Abend vor oder nach dem Kick dort verbringen möchte, eine Einführung in die Kneipenlandschaft, bevor wir in kommenden Wochen einzelne Themen herauspicken und buersche Sehenswürdigkeiten näher vorstellen:

Buer in Westfalen:

Das „Düsseldorf von Gelsenkirchen“, der Stadtteil der „Schönen und Reichen“? Ein bisschen was ist wohl dran an den vielen Bezeichnungen und dem besonderen Selbstverständnis der Bueraner, weshalb jenes Fleckchen Erde wohl nicht zu Unrecht einen entsprechenden Ruf hat. Welcher Stadtteil in Deutschland hatte immerhin bis 1985, knapp 60 Jahre nach der Zusammenlegung mit Gelsenkirchen von 1928, noch eine eigene Postleitzahl? Ein deutschlandweites Unikat bis dahin und mit Ausnahme von GE-Horst gehörten alle nördlichen Stadtteile, samt entsprechendem Zusatz im Namen, zu Buer. In den 20er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts zählte die ehemalige Freiheit stolze 100.000 Einwohner und galt damals als Großstadt, heutzutage wohnen ungefähr 35.000 Menschen hier.

Geblieben ist der „Stadtteil Patriotismus“, der zwar von Generation zu Generation weitergegeben wird, heutzutage aber eher in die Kategorie „Frotzeleien“ eingeordnet werden kann, da der Kanal zwar die geographische Grenze ist, die Berührungspunkte durch Freunde, Schule oder sonst etwas aber eben dort nicht enden. Am Meisten ärgert sich der Bueraner übrigens über die falsche Aussprache des ehemaligen Stadtnamens. Hintergrund dieses (leider) immer noch weitverbreitetem, sprachlichen Fauxpas ist die Aussprache des westfälischen Dehnungs-E, weshalb Buer auch wie „Bur“ und nicht wie „Bür“ gesprochen wird, wie ihr es bestimmt schon mal in den Staunachrichten im Radio gehört habt. Um das „besondere“ Verhältnis zwischen den Bewohnern aus Nord und Süd zu verstehen, muss man um speziellen Gegebenheiten innerhalb der Stadtgrenzen wissen. Der Kanal teilt das Stadtgebiet in zwei gesellschaftlich voneinander unabhängig agierende Szenerien. Eine Teilung in zwei Stadtzentren mit Einkaufsstraßen, zwei Rathäusern und Finanzämtern, eigenem Busbahnhof und Bahnhöfen. Zudem blickt Buer, wenn auch nicht in seiner heutigen Form, auf eine lange Tradition zurück, die bis in das Jahr 1003 zurückreicht. Eine Tatsache, auf die der Bueraner sehr stolz ist und dies im Stadtbild allgegenwärtig ist. Auf der Hochstraße, die buersche Einkaufsmeile, haben z.B. viele Geschäfte Kleinigkeiten wie Buttons oder Schlüsselanhänger mit dem einstigen Wahrzeichen, aber auch verschiedene Magazine wie „100%Buer“ oder „Der Bueraner“ in der Auslage liegen. Buchhandlungen preisen in den Schaufenstern neben der Bellestrik ganzjährig Bücher und Bildbände über die Geschichte Buers an. Die Buersche Linde, das angesprochene Wahrzeichen, schmückt zudem viele Häuser und Geschäfte. Während Gelsenkirchen den Ruf der einstigen Arbeiterstadt der Montanindustrie genießt und heute ein Abbild gesellschaftlicher Missstände wie der hohen Arbeitslosigkeit ist, scheint der Norden der Stadt auf den ersten Blick eine Art grüne Oase zu sein. Und dies nicht nur, weil Buer tatsächlich „im Grünen“ liegt, umgeben vom Stadtwald, Hauptfriedhof, Schloß Berge, Westerholter Wald und der begrünten Halde Rungenberg. Die Peripherie der Kurt-Schumacher-Straße, Verbindungsstraße zwischen beiden Teilen Gelsenkirchens, bietet einen guten Eindruck der Unterschiede zwischen Nord und Süd, der Übergang ist, im Gegensatz zu vielen anderen Beispielen, eben nicht fließend. In Fahrtrichtung GE-Zentrum werden ab Einfahrt in den Stadtteil Schalke-Nord die sozialen Probleme unserer Stadt sicht- und spürbar. Nähert man sich in entgegengesetzter Richtung dem Bereich Buer bietet sich hingegen der Anblick einer eher ländlichen, oberhalb gelegenen Region.

Kneipenszenerie :

Buer war und ist seit jeher für ein lebendiges Nachtleben bekannt, wobei der Glanz vergangener Tage weitesgehend verblasst ist. Besonders in den 70er-, 80er- und den 90er-Jahren lockte die buersche Kneipenszene regelmäßig viele auswärtige Gäste an. Bars wie die „Rappelkiste“, das „Leverkühn“, der „Airport“, der „Ratskeller“, der „Landsknecht“ und die „Lanze“, aber auch Discotheken wie das „Hugo“, das „Batt“ (auch als „Manhattan“ bekannt) oder die „Palme“ sind heute noch jedem Bueraner ein Begriff. Insbesondere das „OldInn“ ist weiterhin in aller Munde, weil man sich hier ab 06:00 Uhr morgens zum Absacker, der auch gerne mal bis mittags dauerte, wiedergetroffen hat. So sind auch die Geschichten über die gute, alte Zeit als Buer noch über die Stadtgrenzen hinaus für seine hohe Dichte an erstklassigen Bars und Kneipen bekannt war, sogar den jüngeren Bueranern präsent, weil Sie regelmäßig von älteren Semestern erzählt werden, wenn diese mit Wehmut an die Blütezeit des buerschen Bermudadreiecks zurückdenken. Leider haben aus dieser Hochzeit nur wenige Läden in den Sprung ins neue Jahrtausend geschafft. Als wichtigste dieser Kneipen sind für die heutige Generation das „Zutz“, das „FUCK“ (Lokal ohne Namen) oder die „Destille“ zu nennen. Gerade die ersten Beiden sind zumeist bevorzugte Anlaufstellen für jene, die es über die Jahre aus Buer weggezogen hat und die über Weihnachten mal wieder ihre Familie besuchen.

Durch den Bau der Markthalle in Buer wurde der ehemalige HotSpot zum Anfang des Jahrtausends noch einmal entscheidend aufgewertet, weil es das dort beheimatete „Kronski“ schaffte, sich innerhalb des gesamten Ruhrgebiets in kurzer Zeit einen ausgezeichneten Ruf zu erarbeiten. Die Erfolgsgeschichte dauerte fast sieben Jahre, ehe auch hier leider das letzte Bier über den Tresen ging. Zuvor war das Kronski nicht nur zum Anziehungspunkt für Gäste aus anderen Städten geworden, sondern vor allem auch ein Treffpunkt für alle Bueraner zwischen 20 und 35. Die monatlichen Parties lockten regelmäßig über 2.000 Menschen in die Markthalle.

Mittlerweile trifft sich die buersche Jugend am Wochenende im „2faces“ oder dem „Trujilo“. Zwei Bars, die es mit ihren individuellen Konzepten geschafft haben, sich vor Ort zu etablieren und nunmehr seit mehreren Jahren vor allem Schüler und Jugendliche anziehen. Seit einigen Monaten tut sich auch wieder etwas im „FUCK“, regelmäßige Parties mit Feieratmosphäre ziehen wieder mehr Gäste in die legendären Hallen. Mit zugehängten Fenstern, viel zu lauter Musik und wenigen Sitzmöglichkeiten ausgestattet, erinnert jener Laden an bestimmten Tagen schon fast an einen Underground-Club einer Großstadt. Fußballfans dürften sich hingegen vor allem im „Fliegenpils“ oder der erwähnten „Destille“ wohl fühlen. Für alle Junggeblieben oder zu schnell älter Gewordenen bieten das „Bikini“ und „Zutz“ oder das „MezzoMar“ in der Markthalle ein ansprechendes Ambiente für’s Feierabend- und Wochenendbierchen. Mit Ausnahme von spontanen Parties im „Bikini“ geht es hier etwas ruhiger zu. Wer es gern altbacken oder kultig mag, dem sei noch schnell das Löweneck mit dem sprechenden Papagei und das Wachholderhäuschen empfohlen. Passenderweise liegen die meisten Läden nahe beieinander und sind fußläufig gut zu erreichen, um gegebenenfalls auch mal die Lokalität zu wechseln.