Fast zwei Jahre nach dem ominösen Spiel gegen Bielefeld ging es den Schalker Spielern und Verantwortlichen richtig an den Kragen: Im Rahmen ihrer Ermittlungen leitete die Bielefelder Staatsanwaltschaft 18 Verfahren gegen Funktionäre und Aktive des Vereins wegen Meineides ein. Paragraph 154 des Strafgesetzbuches sieht für dieses Delikt „Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr“ vor. Sensationelle Enthüllungen machten die Staatsanwälte Kny und Dieckmann in Bielefeld: Danach hätten Schalker Spieler zwischen 130.000 und 150.000 Mark Schweigegeld an den ehemaligen Arminen-Spieler Waldemar Slomiany gezahlt. Dazu Dieckman: „Wir wissen inzwischen, dass es am 9. April 1972 zu einem Treffen der Schalker Spieler kam, erst am Parkplatz am Schloss Berge, dann in der Wohnung eines Spielers. Auf dieser Zusammenkunft legten die Spieler ihre weitere Marschroute fest. Man kam überein, dass jeder 15.000 Mark Schweigegeld an Slomiany zahlen sollte, damit dieser seine Behauptung aufrecht erhielt, er habe die 40.000 Mark selbst behalten. Nicht alle Spieler zahlten wie verabredet, und einige zahlten nicht in voller Höhe. Andere, die das Geld nicht in bar zur Verfügung hatten, haben deshalb Kredite aufgenommen.“

 

Nun war also eingetroffen, was Eingeweihte vorausgesagt und befürchtet hatten: Schalke drohte die Anklage wegen Meineides. Das, was einst als glänzende Rechtfertigung, gewissermaßen als Alibi gegen alle Behauptungen der Schalker Manipulation, gedacht war, die Schalker Eide vor dem Staatsanwalt, hatte sich nun als Bumerang erwiesen. Bedenklich stimmte der Hinweis, dass durch die Einsichtnahme in die Konten der Spieler Beweise erbracht werden können, dass Schweigegelder nach Bielefeld geflossen sind. Es mehrten sich die einsichtigen Stimmen, die den Schalker Spielern anrieten, sofort die Flucht nach vorn anzutreten und ein umfassendes Geständnis beim DFB-Chefankläger Hans Kindermann abzulegen. Das sei der einzige Ausweg, um für Spieler und Club noch zu retten, was zu retten ist. Doch die Spieler blieben zunächst uneinsichtig. „Ich bin sofort bereit, die drei Finger noch einmal zu heben, dass ich kein Bestechungsgeld genommen habe. Warum sollte ich da dem Slomiany Schweigegeld zahlen?“, beteuerte Vorstopper Rüssmann.

Nun stand die Vermutung offen im Raum: Schalker Spieler hätten Geld für ein verschobenes Spiel kassiert, später Schweigegeld gezahlt und anschließend einen Meineid geschworen. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, den Schalker Verantwortlichen und Spielern ging es nun richtig an den Kragen.

 

Fast wie Lynchjustiz

 

Nach diesen Enthüllungen hatte Schalke immer noch Fußball zu spielen. Gegen Bochum nahm man alle Kräfte zusammen und schaffte ein wichtiges 2:0. Empört waren die Schalker über die von der Offenbacher Presse entfachte Stimmungsmache gegen Schalke, die einer Aufforderung zur Lynchjustiz gleichkam. Entsprechend vergiftet war die Stimmung auf dem Bieberer Berg beim 2:0-Sieg der Kickers.

 

Das Heimspiel gegen die Bayern (1:1) brachte endlich mal wieder eine volle Hütte. Das war auch dringend notwendig, denn durch Skandal und sportliche Krise hatte sich ein Schuldenberg von 1,5 Millionen Mark angehäuft. Schalke hatte nun mit sieben Spielen in 21 Tagen ein Non-stop-Programm zu bewältigen, und das, obwohl die Spieler schon auf dem Zahnfleisch gingen. Im Pokal scheiterte man an Mönchengladbach (0:2 und 1:1), in der Bundesliga gab es Pleiten in Serie, nur ein einziger Sieg (gegen Frankfurt) in acht Spielen, Schalke war im Abstiegskampf. Im Viertelfinale des Europapokals wartete Sparta Prag, doch der „Wunschgegner“ (Horvat) erwies sich nicht als solcher. In der Glückauf-Kampfbahn beschränkten sich die Tschechen auf ein geordnetes Abwehrspiel, am Ende hieß es 2:1 für Schalke, ein Ergebnis, das alles offen ließ.

 

Der Gnadenstoß

 

Reduziert wurden die Hoffnungen der Schalker durch die Termingestaltung des DFB-Sportgerichts, das Rüssmann, Fichtel und Lütkebohmert ausgerechnet drei Tage vor dem Rückspiel in Prag nach Frankfurt zitierte. Das DFB-Urteil raubte den drei Angeklagten, die immer und immer wieder ihre Unschuld beteuerten, vollends die Nerven. Das Sportgericht entzog ihnen (und dem jetzigen Gladbacher Jürgen Wittkamp) für zwei Jahre die Lizenz, obwohl eigentlich keine Indizien gegen sie aufzutreiben waren. Die Richter werteten die Klage-Rücknahme gegen Neumann als Eingeständnis ihrer Schuld.

 

Nach dem Urteilsspruch geriet vorübergehend sogar das Europapokalspiel in Prag in Gefahr. Schalke hatte plötzlich nicht mehr genug Spieler für diese Begegnung. Deshalb stellte der Club den Antrag, die Sperre für das Europapokalspiel auszusetzen. Spielausschuss-Vorsitzender Hans Deckert entschied im Sinne der Schalker, denen die Montagspresse nach dem harten Urteil das baldige Ende und den sicheren Untergang voraussagte. Im Flugzeug nach Prag sprach kaum jemand vom bevorstehenden Spiel, wohl aber über die düstere Zukunft der gesperrten Spieler, die mit den Tränen und gegen Depressionen kämpften. Ein Dutzend Schlachtenbummler, eine Handvoll Journalisten und Trainer Horvat bemühten sich, die drei abzulenken.

 

Nicht an die verbaute Zukunft zu denken, fiel vor allem Rolf Rüssmann schwer, der seine Karriere als Nationalspieler gescheitert sah. Bis zum Spiel verbesserte sich die Stimmung zusehends. Das lag nicht zuletzt an Touristen aus der DDR, die sich im Hotel mit den Dreien solidarisierten. Auch die Begrüßung der Prager Presse fiel positiv aus: „Unsere Fußballfreunde wollen die beste Schalker Elf sehen, und Sparta will gegen die beste Schalker Elf gewinnen“, schrieb „Rude Pravo“. Das tat Sparta dann auch, schon in der ersten Spielminute ging Prag in Führung, es folgten zwei weitere Gegentreffer, doch eine so schlechte Figur wie das deutliche Ergebnis ausdrückt, machte Schalke nicht.

 

Vertrauen in den DFB erschöpft

 

Zum Ende der Saison 72/73 gab es nun nur noch ein Ziel, den Klassenerhalt. Ganz Gelsenkirchen fieberte mit dem S04 und wartete gespannt auf das Heimspiel gegen den 1. FC Köln. Der Kartenvorverkauf lief prächtig, Schatzmeister Aldenhoven rechnete mit einem ausverkauften Haus. Die Stimmung wurde noch angeheizt durch die Tatsache, dass mit Sobieray und Fischer zwei der gesperrten Spieler mit ihrer einstweiligen Verfügung beim Oberlandesgericht Frankfurt Erfolg hatten – theoretisch also hätten eingesetzt werden können. Es kam sogar noch besser. Am Freitagnachmittag entschied auch das Landgericht Frankfurt im Falle von Fichtel, Lütkebohmert, Rüssmann und Wittkamp gegen den DFB. Was folgte, waren heiße Diskussionen innerhalb des Schalker Vorstands: Sollte man weiter loyal gegenüber dem DFB sein, die gesperrten Spieler also nicht einsetzen, oder aber die Flucht nach vorn antreten?

 

Während in der Schalker Geschäftsstelle noch die Telefondrähte glühten, weil unzählige Anhänger den Einsatz der „fünf Geächteten“ forderten, schaltete sich das Schicksal in Gestalt von DFB-Generalsekretär Hans Paßlack ein. Seine telefonische Auskunft „das Spiel gegen den 1. FC Köln wird abgesetzt“, traf alle Beteiligten und Beobachter wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Erstmals griff damit der DFB zum Mittel der Spielaussetzung, die Kraftprobe zwischen dem DFB und den ordentlichen Gerichten ging weiter. Selbst im Bundestag kam die Frage auf die Tagesordnung: „Darf sich der DFB den Anordnungen von ordentlichen Gerichten widersetzen?“

 

Fast vier Wochen darauf kam es dann zum Spiel gegen Köln – ohne Fichtel, Rüssmann, Lütkebohmert, Fischer und Sobieray, dafür aber mit so „klangvollen“ Namen wie Klein, Huhse, van den Berg und Ehmke. Schalke trotzte den Kölnern mit dem letzten Aufgebot ein 2:2 ab und befand sich auf dem 17. Tabellenplatz. Drei Spieltage vor Schluss herrschte immer noch Alarmstufe Rot – drei Spiele, die über Abstieg und Verbleib in der Bundesliga zu entscheiden hatten. Und Schalke nutzte seine Minimalchance, gewann 2:0 gegen Stuttgart, 1:0 beim Meidericher SV (mit mindestens 12.000 Schalker Auswärtsfans) und im letzten Spiel der Saison 2:0 gegen den Hamburger SV. „So ein Tag, so königsblau wie heute“, titelte „Der Sportbeobachter“. Schalkes Trainer Horvat hatte unter den überaus widrigen Umständen tatsächlich den Klassenerhalt geschafft (Meister wurde wieder mal Bayern München, auf den Abstiegsplätzen fanden sich Hannover 96, Braunschweig und Oberhausen). Präsident Siebert und alle Schalker Fans atmeten tief durch.

 

DFB auf Gnadenkurs

 

Schalke hatte sich immer an die Richtlinien des DFB gehalten und niemals einen Spieler eingesetzt, der zwar von einem ordentlichen Gericht frei gesprochen wurde, vom DFB-Sportgericht allerdings in eine Vorsperre genommen wurde. Dies sollte sich nun auszahlen. In einem Vergleich vor zwei neutralen Schiedsgerichten in Hamburg zwischen dem DFB und den Schalker Spielern wurden die Sperren auf je ein Jahr verkürzt, als Stichtag galt dabei jeweils die Verurteilung in erster Instanz durch das DFB-Sportgericht. Die Schiedsgerichte tagten nur zwei Stunden, bis der Vergleich von beiden Parteien akzeptiert wurde. Nach monatelangen Gefechten waren alle Seiten bestrebt, das Kapitel Bundesligaskandal zum Saisonende mit aller Macht abzuschließen. Der Vergleich vor den Schiedsgerichten war endgültig – das einzige Problem der Schalker waren nun „nur“ noch die Meineidsermittlungen der Staatsanwaltschaft. Im Skandal blieb es nun lange ruhig.

 

Die neue Saison stand dennoch nicht unter einem guten Stern. Lütkebohmert, Fichtel und Rüssmann waren immer noch bis März 1974 gesperrt, es wurde keine einzige spektakuläre Neuverpflichtung getätigt, und Nigbur lag nach einer Meniskusoperation im Krankenhaus und sollte in der Hinrunde durch Helmut Pabst ersetzt werden. Rüssmann entschied sich, die Zeit zu überbrücken und wurde an den belgischen Meister FC Brügge ausgeliehen. Vor der Saison 73/74 trat Schalke in der Intertotorunde an, doch schienen die Blauen das Siegen verlernt zu haben. Gegen Feyenoord Rotterdam, Standard Lüttich (Abschiedsspiel von der Glückauf-Kampfbahn) und St. Etienne gab es in den Hinspielen Niederlagen. Doch im Rückspiel bei Standard Lüttich ging ein neuer Stern am Schalker Fußballhimmel auf. „Wir haben einen neuen Stan Libuda entdeckt“, freute sich Günter Siebert. Der neue Libuda, das war Jugend-Nationalspieler Rüdiger Abramczik, 17 Jahre jung, der in seinem ersten Seniorenspiel eine Klasseleistung als Rechtsaußen lieferte. Bissig, frech, am Ball gewandt und mit Kondition für 90 Minuten, jedoch auch noch reichlich unerfahren.