„Endlich ist die Zeit des grausamen Wartens vorbei“, sagte Jürgen Sobieray, der nach 14-monatiger Sperre gegen Rotterdam im Eröffnungsspiel des neuen Gelsenkirchener Parkstadions wieder zum Einsatz kam. „Seit meiner Sperre erlitt ich einen hohen finanziellen Verlust und musste morgens ab sechs Uhr das tägliche Brot auf dem Bau verdienen.“ Auf dem Bau musste sich „Sobi“ mit seinem Vereinskameraden Klaus Fischer Hohn und Spott gefallen lassen: „Jetzt siehst du mal, wie schwer man im Alltag des Lebens sein Geld verdienen muss.“

 

Vor 55.000 Zuschauern erlebte das Parkstadion seine Premiere mit einer 1:2-Niederlage, doch wurde den Schalkern die Niederlage durch eine neue Rekordeinnahme von 600.000 Mark versüßt. Schatzmeister Aldenhoven hatte sich zur Feier des Tages in für ihn ungewöhnlich schlichtes dunkelblaues Tuch gehüllt. Ebenso Oskar Siebert, dessen rot-weiß gepunkteter Schlips wie das Lächeln seines Trägers rosigsten Optimismus ausstrahlten: „Der Ernst Kuzorra hat allein für das Spiel gegen Feyenoord für 75.000 Mark Karten im Vorverkauf abgesetzt. Das ist Kuzorra-Rekord! Die Höchstmarke liegt sonst bei 31.000 Mark.“

 

Sportlich startete man mit einer herben 0:3-Niederlage beim VfB Stuttgart in die neue Saison, danach gab es einen 3:1-Erfolg über den Nachbarn VfL Bochum. So wechselhaft der Beginn der Saison war, so setzte sie sich fort: mal Weltklasse und mal Kreisklasse. Schalke suchte nun noch dringend nach Verstärkungen, und für 250.000 Mark holte man Franz Krauthausen vom FC Bayern München.

 

Auf und nieder immer wieder

 

Beim 0:6 in Gladbach geriet auch Ivica Horvat erstmals in die Kritik. Günter Siebert stellte sich aber vor seinen Trainer und drohte allen Spielern bei Leistungsverweigerung eine Geldstrafe an. Das schien Wirkung zu zeigen, denn beim nächsten Spiel gegen den amtierenden Meister Bayern München lag man zur Halbzeit mit 5:2 vorn. Doch die Schalker Jungs waren wieder mal zu grün, kassierten noch drei Treffer und mussten sich am Ende mit einem Punkt begnügen.

 

Am 6. Oktober war endlich wieder Klaus Fischer spielberechtigt, der langersehnte Vollstrecker in Horvats Team, den Schalke auch dringend brauchte – mittlerweile war man auf den letzten Tabellenrang abgerutscht. Und Klaus Fischer zeigte es allen. Beim 4:2 gegen den Wuppertaler SV hämmerte er zwei Kopfballtorpedos und einen Linksschuss in die Maschen.

 

Bei den Länderspielen gegen Österreich (in Hannover) und Frankreich (in Gelsenkirchen) spielten zum ersten Mal Zwillinge im Nationaldress. Erwin und Helmut Kremers hatten allen Grund, sich Hoffnungen auf Plätze im Kader für die im eigenen Land stattfindende WM zu machen. Dieses Ziel hatte auch Norbert Nigbur noch nicht aus den Augen verloren. Am 17. Oktober (4:2 gegen Fortuna Düsseldorf) kehrte er nach langer Verletzungspause zurück und wurde auch gleich für sein 200. Bundesligaspiel geehrt. Überraschend gesellten sich auch wieder Heinz van Haaren und der reichlich korpulent gewordene Stan Libuda zum Schalker Training, die bei ihrem alten Club Racing Straßburg aussortiert wurden. In der Liga lief es weiter so lala, viele Verletzungen (Helmut Kremers mit Blinddarmoperation, Franz Krauthausen rutschte beim Brötchenholen aus und zog sich eine Platzwunde zu) warfen die Schalker immer wieder zurück. Schalke scheiterte zu Hause im Pokal an Wattenscheid 09 und am Ende der Hinrunde war man gerade 15. der Tabelle.

 

Die Finanzen entwickelten sich aber so positiv, dass Schalke am Ende des Jahres schuldenfrei dastand. Auch das traditionelle Schalker Winterfest im Hans-Sachs-Haus unter der Mitwirkung von Schlagerstar Tony Marshall war wieder einmal ein großes gesellschaftlichen Ereignis. Apropos Schlager: Ein benachbarter Rechtsanwalt, der anscheinend keine große Begeisterung für den Fußball entwickeln konnte, hatte gegen die Schalker eine einstweilige Verfügung erwirkt, die nicht alltäglich ist. Es wurde demnach den Schalkern untersagt, während den Halbzeitpausen Schlager zu spielen. In Zukunft müssten auch die Fans betont leise klatschen, damit der Herr nicht mehr durch den Lärm belästigt wird.

 

Das Comeback der „Sünder“

 

Rolf Rüssmann kehrte nach einem fast halbjährigen Gastspiel beim FC Brügge heimwehgeplagt zurück nach Schalke. Die Belgier waren finanziellen Zusagen nicht nachgekommen. Dies nutzte der „Lange“, um fristlos zu kündigen, damit er nach Ablauf seiner Sperre am 1. März 1974 wieder das königsblaue Trikot überstreifen konnte.

 

Zu Beginn des Jahres 1974 schien der DFB zu weiteren Verhandlungen bereit. Aus Anlass des 70-jährigen Vereinsjubiläums hatte Schalke in einem Telegramm um die vorzeitige Begnadigung der gesperrten Schalker Spieler gebeten. Doch als einziger der vier gesperrten Schalker Spieler wurde Stan Libuda vom DFB begnadigt. Er, der eigentlich lebenslang gesperrt worden war, war ab sofort wieder spielberechtigt. Er musste nur noch die Auflagen des DFB erfüllen: eine Geldstrafe (2100 Mark), Übernahme der Prozesskosten (4000 Mark) und Prozessverzicht. Zuvor hatte Schalke 350.000 Mark zurück an Racing Straßburg überwiesen, hatten die Franzosen doch Schalke und den DFB verklagt, weil der DFB den Straßburgern vor Libudas Transfer ausdrücklich bestätigt hatte, dass gegen ihn nichts vorläge. So zahlte Straßburg damals 500.000 Mark Ablöse, fühlte sich aber zurecht geprellt, als Libuda dann lebenslang gesperrt wurde und die anderen französischen Vereine den Abzug aller mit Libuda erzielten Punkte der Straßburger forderten. Schalke hatte praktisch den DFB freigekauft und wollte dafür als Gegenleistung die Spielerlaubnis aller gesperrten Spieler. Eine telefonische Zusage wurde seitens des DFB zunächst nicht eingehalten, Rüssmann, Fichtel und Lütkebohmert wurden erst Ende Januar begnadigt.

 

Stan Libuda hatte sich voll ins Training reingehängt, übte jeden Morgen zwanzig Sprints und war wild auf seinen ersten Einsatz. Doch Ivica Horvat hatte zunächst über ihn gesagt „Er ist noch zu fett“. Doch gegen den Hamburger SV war es dann soweit. Stadionsprecher Werner Hansch stellte das Fußballvolk auf die Probe: „Wollen wir ihn reinlassen?“, fragte er die 48.000 Fans. Und die antworteten mit einem vielstimmigen „Jaaa“. Klar, denn die meisten waren nur seinetwegen gekommen. Der „Stan“, dessen Name seit jeher die Massen faszinierte, zog sich achtbar aus der Affäre, bereitete auch den 3:1-Schlusstreffer vor.

 

Mit den vier nun wieder spielberechtigten Spielern wurde die Schalker Mannschaft neu geboren. Rüssmann und Fichtel gaben der Abwehr wieder Stabilität, Lütkebohmert war der Antreiber im Mittelfeld. Von den nächsten zehn Spielen in der Stammformation gab es acht Siege, ein Unentschieden (beim Wuppertaler SV) und eine Niederlage (bei Bayern München). Womit noch vor Wochen niemand gerechnet hatte, konnte nun wahr werden: Schalke schnupperte an einem Tabellenplatz, der zum internationalen Geschäft berechtigte, und nicht wenige waren der Meinung, dass Schalke ein Titelaspirant gewesen wäre, hätten die besten Stammspieler keine Sperre absitzen müssen.

 

Aufgewärmter Kaffee

 

Schalke hatte sich bis zum fünften Tabellenplatz vorgearbeitet, dann kam es zum Einbruch in der Mannschaft. Die letzten drei Spiele der Saison 73/74 wurden gegen den 1. FC Köln, den MSV Duisburg und den 1. FC Kaiserslautern verloren, so dass Schalke am Ende „nur“ auf dem siebten Rang landete und den UEFA-Cup-Platz knapp verpasste.

 

Dennoch war man mit dem Erreichten ganz zufrieden, als abermals Verdruss von Justitia drohte. Eine Meldung schreckte die Gelsenkirchener Fans hoch: Die Staatsanwaltschaft habe die Ermittlungen abgeschlossen und werde in Kürze ein weiteres Verfahren eröffnen. Im Klartext sah das folgendermaßen aus: Nachdem die Beschuldigten sich auf Anraten ihrer Anwälte zur Sache selbst nicht mehr geäußert hatten, schloss die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren ab und kündigte die Eröffnung des Hauptverfahrens an. Die Beschuldigten erhielten eine Ermittlungsakte, sage und schreibe 1600 Seiten dick.

 

Als besonders belastet sah man Präsident Günter Siebert und Schatzmeister Heinz Aldenhoven an. Beiden werden laut Aussage der Justizbehörden „fortgesetzter Meineid und falsche uneidliche Aussage“ vorgeworfen. Dazu Präsident Siebert: „Das ist doch alles aufgewärmter Kaffee! Die Spieler sind vom DFB zum großen Teil auf Grund von Indizien verurteilt worden. Jetzt sind sie begnadigt worden und dürfen wieder spielen. Unsere Auffassung ist: Einmal begnadigt, immer begnadigt.“ Die Anklageschrift wurde Siebert und Co. im Mai 1974 zugestellt. Im März 1975 sollte es zum Prozess vor dem Essener Landgericht kommen, der wurde nochmals auf den 30. September 1975 verschoben – mehr als vier Jahre nach dem ominösen Spiel gegen Arminia Bielefeld.

 

Deutschland wurde Weltmeister, doch die Schalker Spieler saßen bei dem großen Triumph im Münchner Olympiastadion nur als Edelreservisten auf der Ersatzbank. Nach dem siebten Platz im Vorjahr wollten die Schalker in der Saison 1974/75 noch einmal richtig angreifen. Mehr oder weniger war der Kader zusammen geblieben. Die wichtigsten Spieler, Fischer, Fichtel, Sobieray, Lütkebohmert, Rüssmann, Nigbur, die Kremers-Zwillinge und Abramczik, waren einsatzbereit – und vor allen Dingen nicht mehr gesperrt. Trainer Horvat konnte wieder aus dem Vollen schöpfen, außerdem konnte man einen fantastischen Spielmacher hinzu gewinnen. Nach wochenlangem Tauziehen wechselte Hannes Bongartz für 777.000 Mark Ablösesumme von Wattenscheid 09 an den Schalker Markt. Finanziert wurde das ganze auch durch die Schalker Zuschauer, die eine „Bongartz-Mark“ bei den Eintrittspreisen „abdrücken“ mussten. Bei dem bis dato teuersten Transfer eines Regionalligaspielers gab es nur zufriedene Gesichter: 09-Präsident Klaus Steilmann wedelte zufrieden mit den Geldscheinen, Siebert und Horvat waren sich sicher, mit dem „Spargel-Tarzan“ einen Hochkaräter an Land gezogen zu haben. Bongartz, der als Erfinder des „Übersteigers“ gilt, war eine echte Verstärkung, auch weil er sich schnell integrieren ließ.

 

Vox Populi

 

Auf der Suche nach weiteren Verstärkungen wurde Siebert in Brasilien fündig. Francisco Marinho hieß der „Wunderstürmer“ des FC Botafogo, der bei den Schalkern anheuern wollte. Es schien alles klar, nur noch um die Ablöse wurde gefeilscht. Und wieder sollten die Schalker Fans für einen Spieler draufzahlen. 70.000 Stimmzettel wurden beim Heimspiel gegen den FC Bayern verteilt, mit denen abgestimmt werden sollte: „Marinho kaufen?“ und „Marinho-Zuschlag?“ stand darauf. Doch die Urnen mit den Stimmzetteln waren plötzlich verschwunden und blieben es auch, obwohl Günter Siebert samt Vorstand noch am nächsten Sonntag zur Müllkippe fuhren, um sie zu suchen. Damit wurde auch dieses Thema schnell zu den Akten gelegt. Nach dem 2:0-Sieg bei den Bayern sprach man auf Schalke schon wieder vom Titel. Das war dann doch etwas verfrüht, denn Schalke war noch nicht so stark, und Bayern enorm schlecht, am Ende landeten sie sogar nur auf dem zehnten Platz. Auch bei Schalke reichte es nicht für einen internationalen Platz: Wieder scheiterte man als Siebter nur denkbar knapp. Meister wurde in dieser Saison Borussia Mönchengladbach vor Hertha BSC Berlin.

 

 

Abschied von Horvat

 

Enttäuscht von dem Abschneiden seiner Mannschaft musste Trainer Horvat seine Koffer packen. Beim 3:0-Sieg im letzten Spiel der Saison bedankte sich Präsident Siebert mit Handschlag für die vierjährige erfolgreiche Arbeit, und die Fans verabschiedeten ihn mit viel Beifall und einem dicken Strauß blau-weißer Nelken. Eine Ära ging zu Ende. Im Nachhinein dürften es die Schalker Verantwortlichen wohl mehr als einmal bereut haben, ihn entlassen zu haben. Im Skandal blieb es in dieser Saison extrem ruhig. Eigentlich sollte es im März 1975 zum Prozess kommen, dieser wurde aber nochmals auf den 30. September 1975 verschoben, weil der Rechtsanwalt von Klaus Fischer, Dr. Hütsch, wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht in der Lage war, die Verteidigung zu übernehmen. Für die Saison 1975/76 verpflichtete der FC Schalke 04 Max Mer kel als neuen Trainer. Eigentlich hatte Merkel schon so gut wie bei den Bayern einen Vertrag unterzeichnet, doch als diese den Europacup gewannen, wollten sie nicht mehr ihren Trainer Dettmar Cramer entlassen. Da kam Merkel das Schalker Angebot gerade recht. Man versprach ihm weitere Verstärkungen, Tenhagen und Burgsmüller sollten jetzt geholt werden, zudem war ein Ende im Bundesliga-Skandal absehbar. An und für sich keine schlechte Ausgangssituation.