Nachdem wir Anfang Dezember bereits ein Interview mit zwei Fans über den Polizeieinsatz in der Nordkurve beim Champions-League Heimspiel gegen PAOK Saloniki geführt haben, findet das Thema medial mittlerweile nur noch wenig bis gar keine Beachtung. Das steht unserer Ansicht nach in einem kompletten Gegensatz zu der Fan-Seele, der dieses Thema noch immer auf der Seele brennt. Gerade die fehlende Aufklärung und der Mantel des Schweigens über die Hintergründe des Vorfalls hängen den Fans wie ein tonnenschwerer Klotz am Bein. Wir wollen das Thema daher noch einmal aufgreifen und haben unsere Interviewreihe mit Fans zu den Vorfällen an dem Tag an sich und dem aktuellen Stand vier Monate später fortgeführt.

Schalker Markt: Obwohl seit dem Spiel einige Zeit ins Land gestrichen ist, bekommen viele Schalker die Vorfälle noch immer nicht aus dem Kopf. Wie geht es euch dabei, wenn ihr mit einigen Monaten Abstand an die Vorfälle in der Nordkurve denkt?

Timo: Für mich ist es immer noch unfassbar, was da passiert ist. Wie die Polizei ohne Sinn und Verstand in die Fans geschlagen und Pfeffer gesprüht hat. Fast noch schlimmer finde ich aber, wie das Ganze wieder ausgesessen wird. Nachdem anfangs noch mediales Interesse bestand, auch durch das hin und her der Schalker Offiziellen, hört man davon nichts mehr.

Thorsten: Was an diesem Abend in der Nordkurve geschah, war der absurdeste Polizeieinsatz, den ich in meinem Leben bis dato erleben musste. Vielleicht kennt ihr das, wenn man beim Gedanken an etwas reflexartig beginnt den Kopf zu schütteln. So geht es mir weiterhin. Sich als Einsatzleiter von einem erstmals in Deutschland befindlichen, im Nationalstolz gekränkten griechischen Polizisten dazu anregen zu lassen, erstmals in der Geschichte der S04 die Nordkurve mittels vier Hundertschaften zu stürmen, eine gewaltsame Schneise in diese zu schlagen, eine Massenpanik alá Loveparade zu provozieren, 200 Menschen teils lebensgefährlich zu verletzten nur um eine legale Fahne, die schon x-mal hing, einzukassieren zu versuchen, das ist schon eine verdammt heftige Nummer. Und diese vollkommen sinnfreie und verbrecherische Gewalteskalation dann im Nachhinein mit Lügen über Lügen zu rechtfertigen, statt sich mal was einzugestehen, dann ist das schon ein gewaltig dickes Ding was sich da geleistet wurde. Und das alles live vor 6 Millionen im TV und 60.000 im Stadion, das muss man erst einmal bringen, ich glaub das war der größte Fall von Polizeigewalt in Gelsenkirchen seit Jahrzehnten, unter der Annahme in den wilden 80er und 90er Jahren gab’s sowas vielleicht auch mal. Und die kommen damit auch erstmal noch durch, dass macht die Angelegenheit noch viel schlimmer. Was muss denn passieren, das polizeiliches Fehlverhalten, geahndet wird? Deutlicher geht rücksichtslose hirnverbrannte Rambo-Eskalations-Taktik doch echt nicht mehr. Hätten die mit Schusswaffen loslegen müssen? Die Wochen nach dem Spiel war ich komplett durch den Wind, Schlafstörungen, Reizbarkeit ohne Ende, depressive Verstimmungen, richtig platt. Wie ‚ne dicke Derbyniederlage, nur eben viel länger.

Schalker Markt: Wie auch schon die anderen beiden Interviewpartner im ersten Teil zuvor, wollen wir euch fragen, wo ihr euch an diesem Tag in der Nordkurve befunden habt? Habt ihr etwas von der seitens der Polizei beschriebenen, aggressiven Stimmung mitbekommen?

Timo: Ich stand mit einigen Freunden sehr weit vorne in N4, in der 1. oder 2. Reihe, in der Nähe des Aufganges, über den die Polizei unter anderem in den Block gestürmt kam. Von besagter Aggressivität habe ich nichts mitbekommen. Die Stimmung in der Nordkurve war soweit gut, im Gästeblock konnte ich von meiner Position auch keinen geplanten Platzsturm oder sonstige kippende Stimmung erkennen. Die Halbzeitpause über z.B. war es in der gesamten Arena sehr leise und ruhig, auch im Gästeblock. Zum Zeitpunkt des Blocksturms habe ich eine ausgelassene Stimmung im Gästeblock in Erinnerung, kurz zuvor fiel ja der Ausgleichstreffer für PAOK.

Thorsten: Ich stand links vom Podest der Vorsänger in N4. Dieses Gerede von aggressiver Stimmung und drohendem Platzsturm, meine Güte, das ist dermaßen lächerlich, dass man gar nicht drauf eingehen will. Was ist mit Herrn Sitzer los, wie lange ist der schon mit Fußball beschäftigt? Hat der schon mal irgendwo in den vergangenen 100 Jahren gesehen, dass es zu einer solchen Apokalypse gekommen ist wo 2000 Leute in einem der modernsten Stadien der Welt den Platz stürmen oder das Stadion brandschatzend zerlegen? Und selbst wenn, lässt er lieber die weghauen, von denen weniger Gegenwehr zu erwarten ist? Feigheit vor dem Feind? Das ist alles ja auch zu heftig. Die Fahne hängt eine Stunde vor Anpfiff, die gesamte erste Halbzeit, die Pause und weitere 30 Minuten, ohne dass im Gästeblock der Hauch von Aggressivität zu sehen war. Nicht mal als eine geklaute PAOK Zaunfahne zerrissen wurde, provozierte auch nur ‚nen Stinkefinger. Und dann, nachdem wichtigen Tor für die Griechen, wo se alle vor Freude tanzen, beginnen seine Befehlsempfänger wie gefühllose Sturmtruppler loszuwalzen. Entweder ist der Herr Strunzedumm und inkompetent oder kriminell kalkulierend. Vielleicht wollte er die Eskalation auf Anraten seiner SKBs durchziehen, um Widerstandshandlungen gegen die Aggressoren in Uniform zu provozieren und anschließend den verhassten Ultras endlich mittels der 70 Kameras in der Arena, hunderter Anzeigen und Stadionverboten den gar aus zu machen. So oder so, Klaus Sitzer hat seine Inkompetenz und moralische Nicht-Eignung ausreichend unter Beweis gestellt, ohne wenn und aber. Vor Gericht und dann in den Knast, inklusive Streichung seiner Pensionsansprüche.
 
Schalker Markt: Auf vielen Videos, die man noch immer im Netz findet, sieht man einen enormen Einsatz von Pfefferspray. Seid ihr auch selbst verletzt worden? Gab es panische Situationen?

Timo: Ja, noch bevor die Polizei in den Block gestürmt kam, traf mich aus dem Graben ein Strahl mitten ins Gesicht, den Schalkern neben mir ging es ebenso. Auf Videos konnte ich dann gut sehen, dass der Strahl einmal von links nach rechts – also vom Aufgang weg – gesprüht wurde. Wieso, weshalb, warum weiß ich bis heute nicht, bis dato war die Polizei ja nicht mal im Block. Dass im Nachgang vom Schutz der Kollegen gesprochen wird und alles verhältnismäßig war, regt mich heute noch tierisch auf. Von einem Augenblick auf den nächsten konnte ich nichts mehr sehen, bekam kaum Luft und überall um mich Geschrei. Ich hielt mich irgendwie an der Brüstung vor mir fest, von links drückten die Polizisten immer stärker. Ich schrie, wollte da irgendwie raus, es wurde immer wieder gegen mich geschoben. Ich hatte Angst irgendwie umgestoßen und überrannt zu werden. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, hat mich dann ein Schalker zu den Sanitätern geführt.

Thorsten: Da ungefähr jeder der ein bisschen mehr Hirn hat als gewisse Verantwortliche, also wohl etwa 60.000 in der Arena, sich denken konnten, was abläuft, wenn vier vermummte Hundertschaften mit Schlagstock im Anschlag in den Block eindringen inkl. dem Versperren der Fluchtwege, begab ich mich zügig zwei drei Meter in Richtung der Beamten die über die Treppe von unten kamen. Ich hatte die Hoffnung, dass entweder die Sturmtruppen oder ihr Einsatzleiter sie so viel Anstand haben, sich nicht den Weg durch einen ohnehin überfüllten Block in dem man auch so kaum an wem vorbei kommt, durch friedliche Menschen frei zu prügeln und sie ihr Ansinnen aufgrund der eklatanten Unverhältnismäßigkeit lieber abbrechen, es gab ja auch die große Bühne inkl. Live-Übertragung, da will man sich ja vielleicht nicht so mies geben, wie man es im kleinen Rahmen mit den Ultras in Zügen und Bahnhöfen seit jeher macht. Sollte man meinen. Ja, so war der Plan, einfach in den Weg stellen, auf die Beamten einreden, hoffen dass sie einfach nicht vorbeikommen, es ist ja da wie gesagt auch so schon überfüllt. Quasi eine Stehblockade, ziviler Ungehorsam, bekannt von allerhand Demos, gerichtlich gedeckt bis zum Verfassungsgericht. Leider war das Ansinnen der Beamten die Eskalation, die Beamten die über die Treppe hochkamen verschafften sich mit Pfeffer Platz, währenddessen trafen mich mehrere Strahle, die ohne Sichtkontakt, das muss man sich mal vorstellen, mit Hilfe der Feuerlöscher-großen Kartuschen im 180 Grad Bogen aus dem Graben in die ersten Reihen der Nordkurve geschossen wurden.

Ich wand mich sofort ab und zog mir den Pulli übers Gesicht. Währenddessen gab es von überall Geschrei und Gedränge. Die Leute hatten Angst, wohin sollten sie auch, wohin sie gingen gab’s von gepanzerten und bewaffneten Polizisten vor die Fresse, distanzieren ging nicht mal wenn man’s unbedingt wollte. Wie dem auch sei, war mein Fuß auf einmal in einer der Sitzschalen-Konstruktionen denkbar ungünstig gefangen. Eine Polizistin schlug mir vor hinten in die Seite und schrie irgendetwas. Ich schrie zurück, ich wäre grad dabei mir das Fußgelenk zu brechen aufgrund ihrer sinnfreien Aggressionen. Gefühlte Ewigkeiten später hörte die Dame auf mich noch weiter zu schieben und wurde gegen einen anderen Beamten ausgetauscht, der sich mit anderen Fans „beschäftigte“. Jedenfalls konnte ich Leute vor mir bitten, die Augen kriegt man ja einfach nicht auf, meinen Fuss zu befreien. So blieb’s bei ‚ner ziemlich fiesen Prellung, hätte irgendwer in Folge der Panik auch nur leicht geschubst, hätte ich mir aufs ekelhaftest das Fussgelenk bzw. das Schienbein gebrochen. Wie ekelhaft.. Knapp 10 Minuten später, also kurz vor dem Rückzug der Beamten die die Fahne nicht bekamen, fingen die Polizisten erneut an, Pfeffer wie geisteskrank in die Menge zu sprühen und trafen dabei auch Sanitäter und ein Mädchen, was komplett zu Boden ging und ziemlich erledigt aussah. Im Nachhinein erfuhr ich, dass das Mädel wohl dieses war, welches mehrere Tage mit dem Tod kämpfe.. Ich protestierte jedenfalls beim nächst gelegenen Beamten, der mich irgendwann kurz anschaute, und.. dann mit einem „Fresse du Lutscher“ mit dem Quarzsandhandschuh zwei mal ins Gesicht schlug. Der erste striff mich nur, der zweite saß, war ja auch nicht schwer, kam ja doch sehr plötzlich, so abgezockt hätte ich sie dann doch nicht erwartet. Das Ergebnis war eine blutige Nase, eine aufgeplatzte Lippe und ein wackelnder Zahn. Ansonsten war die Szenerie auch von meinem eigenen Schicksal abgesehen für mich total verstörend, überall prügelten Beamte in junge Menschen, die sich von ihnen wegdrehten. Hallo, die haben sich weggedreht und konnten nicht mal weg! Ziemlich häufig von unten in die Seite, vermutlich weil’s weniger auffällig ist. Oder irgendwelche komischen Griffe im Gesichts Bereich, ebenfalls nur an Leuten, die sich schon weggedreht haben. Das war schon sehr krass, soviel perverse Gewalt und Lust auf Leute quälen hab ich in 15 Jahren Fußball noch nicht gesehen, dagegen waren diverse Hauereien die in den Medien zu kriegen hochstilisiert wurden und zumeist nur ne halbe Minute dauerten, ein Paradebeispiel für Respekt und Fairness. Mitgefühl oder Empathie, davon war bei den handelnden Beamten nicht viel zu sehen. Von Logik oder Verhältnismäßigkeit sowie nicht.
 
Schalker Markt: Hat sich der Verein bei euch gemeldet, oder erfahrt ihr durch ihn Unterstützung?

Timo: Nein, bei mir hat sich niemand gemeldet. Vom Verein fühle ich mich im Stich gelassen, vor allem nach dem medialen Hin- und Her und dem Zurückrudern und Beugen der Vereinsoffiziellen vor der Polizei.

Thorsten: Ach der Verein.. gehen wir davon aus, dass ihr mit „der Verein“ den Vorstand oder die Fanabteilung meint. Der Verein stand ja für gefühlte fünf Minuten zu uns und hatte so etwas wie Rückgrat. Das hat mir viel bedeutet und ließ mich wieder ein bisschen runterfahren. Das ein Herr Peters, verantwortlich für das Sicherheitspapier, bei nächster Gelegenheit sich von einem tollwütigen reaktionären Innenminister, der bereits für die Toten der Loveparade in Duisburg hätte grade stehen sollen, wie ein kleiner Schuljunge erpressen lässt und in der Öffentlichkeit entschuldigt, das schlägt dem Fass doch den Boden zum dritten Mal aus. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll, um mein Entsetzen in Worte zu fassen. So eine Witzfigur, ich hoffe seine Tage sind gezählt und auf der Jahreshauptversammlung gibt’s die Quittung. Der ist für mich gestorben.

Und Fürderer, der für diesen gesamten Sicherheits-Käse auf Schalke mitverantwortlich ist, ein persönlicher Freund von diesem Täter in Uniform Sitzer, der hat nichts besseres zu tun, als nach dem sich die Empörung gerade wieder legt, den Ultras den Raum unter billigsten Vorwänden zu schließen, den Strom fürs Megafon abzudrehen, lässt Plakate von der Demo beschlagnahmen, die in ähnlicher Form bei Choreos bis dato nie ein Problem waren und droht auf persönliche Bitte seines Kumpels Klaus Sitzer, dass jeglicher gesetzliche legitime Protest gegen diesen Intensivtäter im Amt, doch zu unterlassen sei, da es sonst Stadionverbote gebe. Was? Habe ich was verpasst in der Geschichte?

Und was ist die Konsequenz aus diesen Geschichten für Fürderer? Er wird befördert und bekommt mehr Kompetenzen und Aufgabengebiete, ja leck mich fett, darauf wäre ich jetzt auch nicht mehr gekommen. Es ist zu grotesk, man könnt echt drüber lachen.

Von der Fanabteilung, nicht von Patrick Arnold wohl gemerkt, kamen viele beschwichtigende Töne. Peters konnte doch gar nicht anders, die Bullen wollten die Nordkurve sperren unter dem Vorwand der nie freigehaltenen Aufgänge, Fürderer sei doch ein ganz netter. Leck mich nochmal fett, vielleicht verlieren ehemalige „normale“ Schalker sobald sie auf der Gehaltsliste des Vereins stehen jegliche moralischen Maßstäbe, die sie ehemals gerne hochhielten.

Vom Fanprojekt kam ein kritischer Artikel auf ihrer Homepage sowie von Herrn Mau ein richtig gutes Interview, ich mein in der Süddeutschen. Das war solide.

Schalker Markt: Seid ihr rechtlich dagegen vorgegangen?

Timo: Ja, ich habe Anzeige erstattet. Das Ganze geht aber extrem langsam vorwärts. Da ich den pfeffersprühenden Polizisten nicht gesehen habe und auch sonst durch seinen Schutzanzug nicht identifizieren konnte, rechne ich mir aber geringe Chancen aus.

Thorsten: Ich für meinen Teil hab Anzeige erstattet. Am Tag danach war ich beim Arzt. Ich hab neben der deftigen Prellung am Fußgelenk die mich fast zwei Wochen humpeln ließ, etliche, teils ziemlich spektakuläre Hämatome an den Knien von der kleinen Panik. Weiterhin halt eine angebrochene Nase, dicke Lippe sowie den Wackelzahn. Gerade Letzter geht gar nicht, da ich nach einem schweren Unfall was Zähne betrifft eine ziemliche Panik vor allem habe, was mit Zahnärzten und schlimmer zu tun hat. Ein paar Tage später entdeckte ich im Internet ein Video, auf welchem zu sehen ist, wie ich mich einem Beamten zuwende, er zögert und mir anschließend volle Möhre ins Gesicht schlägt. Danach habe ich das Video runtergeladen, Anzeige gegen Klaus Sitzer als Einsatzleiter gestellt und warte seit dem, was noch so komm. Aktuell ist die Akte noch leer, vermutlich leerer als die der meisten Fans, gegen die die Polizei nun zum Selbstschutz und nachträglicher Legitimation ermittelt. Polizeiminister Jäger sagte ja, jeder werde zur Rechenschaft gezogen und noch sei jeder Polizist in der Hundertschaft auch ohne Nummer identifiziert worden. Warten wir’s ab. Entweder ich liefere mit meinem Fall den Beweis, dass Jäger lügt und eine Kennzeichnung der Beamten mittels Nummern nötig ist oder der Prügelbeamte kann sich schon mal krude Argumentationen für sein Handeln vor Gericht überlegen. Wenn ich mir so überlege, dass in der Angelegenheit alles genauso kommt, wie man es nicht meinen könnte, krieg ich schon fast Angst davor. Wahrscheinlich krieg ich noch eine Bewährungsstrafe weil der Staatsanwalt Körperverletzung durch Blickkontakt herbei erfindet und muss Schmerzensgeld zahlen für den psychischen Druck, dem die armen Staatsdiener ausgesetzt waren.

Schalker Markt: Auf der anderen Seite wurden momentan bei Testspielen des FC Schalke 04 Fans von der Polizei herausgezogen und kontrolliert. Ebenfalls landen Ermittlungsverfahren und Vorladungen zur Erkennungsdienstlichen Behandlung in den Briefkästen. Wie findet ihr das?

Timo: Das passt durchaus ins Bild. Meiner Einschätzung nach versucht die Polizei nun den Einsatz zu rechtfertigen und insbesondere den massiven Einsatz von Pfefferspray und Knüppel als verhältnismäßig hinzustellen. Das geht natürlich leichter, je mehr der schwarze Peter irgendwelchen Schalker in die Schuhe geschoben werden kann. Ich hoffe, dass sich die Staatsanwaltschaft davon nicht blenden lässt und die Unrechtmäßigkeit des Einsatzes irgendwann mal richterlich bestätigt wird. Wie sollen junge Schalker, die das miterlebt haben, denn bitte sonst ihr Vertrauen in den Rechtsstaat behalten?

Thorsten: Das reiht sich doch nahtlos ein.. Gib dem Opfer die Schuld, lenk‘ ab, Hauptsache nicht selber Gegenstand bzw. Mittelpunkt der Diskussion sein. Mal im Ernst, was sollen denn junge Fans in einem überfüllten Block gegen gepanzerte und bewaffnete Beamte machen, die von allen Seiten, wie auf Koks daher stürmen. Im schlimmsten Fall wurden die geschubst, angeschrien und vielleicht noch ein paar symbolische Hiebe mit hohlen PVC Kabelrohren. Meine Güte, das ist blanker Aktionismus mit symbolischer Wirkung, geboren in der Ohnmacht und Ausweglosigkeit der Situation. Und solche Leute, also die Einheiten der Hundertschaften mit ihren gefühlt 70% schwarzen Schafen, nennen Fans dann „Lutscher“. Selber bis zum geht nicht mehr gepanzert, mit Pfefferspray, Schlagstock und Schlaghandschuhen ausgestattet, vermummt und mit einer Immunität vor Gericht gehen die brutal rücksichtlos auf Leute los, die ihren Job mittels Steuern überhaupt finanzieren und gar keinen Stress wollen, kommen sich dabei wichtig und cool vor und klatschen nachher noch im Graben unterm I-Block ab, zeigen Mittelfinger und Abknallgesten. Echt mal, überdenkt mal euer Leben..

Schalker Markt: Wie hat sich der Einsatz auf euren Fanalltag in der Nordkurve ausgewirkt?

Timo: Auf meinen Alltag in der Nordkurve glücklicherweise weniger. Ich schaue bei Bewegungen im Graben jetzt aber schon direkt, wer da unten langläuft. Auch ansonsten fühle ich mich in der Gegenwart von Polizeihundertschaften nicht wirklich wohl. Da ist bei mir einiges an Vertrauen verloren gegangen.

Thorsten: Der Einsatz hat sich insofern auf mich ausgewirkt, als dass mir der Hals schwillt, wenn ich die gleichen Hundertschaften (Gruß nach Münster) von damals vor der Arena sehe, die cool und lässig Kaugummi kauen, rauchen und auf dem Smartphone rumdaddeln und sich möglichst arrogant geben, ab und zu mal beiläufig mit der Faust in die offene Hand hauen und senil grinsen.

Weiterhin bin ich halt vom Verein megamässig enttäuscht, das war zu viel, als dass man das einfach so wieder gut machen könnte. Die ganze Geschichte hinterlässt Spuren und ist für mich auf einem Level wie die verpassten Meisterschaften von 2001 und 2007.
 
Schalker Markt: Streitthema Nummer eins: Klaus Sitzer. Mittlerweile ist es sehr ruhig um ihn geworden. Er weist jegliche Verantwortung noch immer von sich und sieht kein Fehlverhalten seinerseits ein. Seht ihr das genauso?

Timo: Ich finde es schrecklich und unbegreiflich, dass er diesen wirklich katastrophalen Einsatz mit den vielen unschuldigen Verletzen einfach so aussitzen kann. Allgemein die Art und Weise, wie die Polizei Gelsenkirchen mit dem Polizeieinsatz umgegangen ist. Mir graut es, dass solche Personen führende Positionen im staatlichen Gewaltmonopol haben.

Thorsten: Ich wiederhole es nochmal. Es gab keine aggressive Stimmung, keine verbotene Fahne oder irgendetwas vergleichbares, was in einem halbwegs zivilisierten Land ein derartiges Vorgehen auch nur im Ansatz rechtfertigt. Wer etwas anderes behauptet, lügt aus Boshaftigkeit oder Eigeninteresse, in diesem Fall um vom Fehlverhalten abzulenken und nicht seinen Job zu verlieren. Der Herr will die Sache aussitzen, das wird aber nicht gelingen, zu offensichtlich war einfach sein Handeln im Einsatz selbst später dieser räudige rumlamentieren.
Wenn Justitia nicht die allerletzte Hure ist, wird er Konsequenzen tragen müssen, im Idealfall Job und Freiheit! Wenn ich mir anschaue was für Strafen Fußballfans in den aktuellen hysterischen Zeiten für teils geringfügige Entgleisungen wie Pyro oder Pöbeleien tragen müssen.. was kriegt man da für 200- fache, teils schwere gefährliche Körperverletzung im Amt, Landfriedensbruch, Beleidigungen, Nötigungen, versuchten Raub einer legalen Fahne, Unterlassung und Verhinderung von erster Hilfe, Verstoß gegen sämtliche Regeln die Versammlungsstättenverordnungen nach der Loveparade-Katastrope erlassen wurden, Falschaussagen vor Medien und Landtag,.. war’s das?
Und der stellt sich dann noch hin und faselt was von „bisschen Jucken inne Augen“ und man solle sich nicht anstellen. Ich zieh meine Anzeige sofort zurück, wenn er sich mal hinstellt und ich ihn unter wildem Geschrei mit Pfeffer einnebeln und mit Schlaghandschuhen eine verpassen kann. Machen würd ich’s letztlich wohl nicht, ich zumindest hätte Hemmungen, wehrlose Leute derart zu misshandeln, selbst solche wie ihn.

Nochmal, entweder ist er unsagbar inkompetent um sich so einen Schwachsinn einreden zu lassen oder er hat boshaft gehandelt um Theater mit den Ultras und ihrem Umfeld zu provozieren. So oder so, beides disqualifiziert ihn für seine Stelle. Gleiches gilt natürlich auch für seinen Boss im Innenministerium, der ja auch mit dreisten Lügen sich vor den NRW Landtag stellt und damit tatsächlich noch durchkommt, da bei Politikern scheinbar Parteibuch mehr bedeutet als die Sachlage.